Nicht archäologisch… Aber auch schön: Hirschfelds „Theorie der Gartenkunst

Ein kurzer Ein- und Überblick über „Die Theorie der Gartenkunst“ von Christian Cay Lorenz Hirschfeld

Die „Theorie der Gartenkunst“ des Kieler Professors Hirschfeld war das bedeutendste Werk, das im 18. Jahrhundert im deutschen Sprachraum zur Gartenkunst veröffentlicht wurde. Obwohl sich aber die von Hirschfeld propagierte Form des Landschaftsgartens allgemein durchsetzen konnte, geriet Hirschfelds Werk im 19. Jahrhundert zunehmend in Vergessenheit.

Aussagen seiner Zeitgenossen über die „Theorie der Gartenkunst“ veranlassten die Autoren verschiedener Begleitpublikationen zu dem Schluss, Hirschfeld sei durch die „Theorie der Gartenkunst“ zur „unangefochtenen Autorität in Gartenfragen“ geworden. Umso seltsamer stößt da die Tatsache auf, dass Hirschfeld nur ein einziges Mal, 1780, eine Vorlesung über die Gartenkunst hielt und nie selbst das Amt des Gartendirektors bekleidete. Den Ruhm, den Hirschfeld nichtsdestotrotz für die „Theorie der Gartenkunst“ erntete,  lässt sich wohl auch darauf zurück führen, dass parallel zur deutschen Fassung auch eine französische veröffentlicht wurde, die in Europa weit verbreitet war.

Auch wer die „Theorie der Gartenkunst“ im späten 18. und 19. Jahrhundert nicht selbst gelesen hatte, konnte sie kennen ohne es zu wissen: In der „Oeconomischen Encyclopädie“ druckte Johann Krünitz die gesamte kleine Theorie für den Abschnitt Garten ab ohne je auf Hirschfeld als Autor zu verweisen, ebenso verfuhr auch Johann Grohmann in seinem „Handwörterbuch über die bürgerliche Baukunst und schöne Gartenkunst“ in diversen Abschnitten.

Im Seifersdorfer Tal, einem Landschaftsgarten bei Dresden,  wurde Hirschfeld sogar ein Denkmal gesetzt und damit wohl auch seiner Forderung entsprochen, dass Statuen in erster Linie „die Bildnisse der Männer“ zeigen sollten, „die mit uns zu einer Nation gehören, deren Zierde sie waren: Männer, denen wir Aufklärung, Freiheit, Wohlstand, Vergnügen verdanken.“

Hirschfelds Wissen über Gartengestaltung und seine wissenschaftliche Herangehensweise findet man in seiner Biographie begründet:

Christian Cay Lorenz Hirschfeld wurde am 16. Februar 1742 in Nüchel bei Eutin in Holstein geboren. Er studierte Philosophie in Halle, wurde anschließend Kabinettssekretär beim Fürstbischof von Eutin und bekam als Lehrer dessen beider Söhne die Möglichkeit an einer längeren Reise durch  ganz Deutschland und bis in die Schweiz teilzunehmen. Im Anschluss an diese Reise entstand 1768 sein Erstlingswerk „das Landleben“, in dem er sich erstmalig und, sogar im Vergleich zur „Theorie der Gartenkunst“, sehr überschwänglich über Landschaftsgärten und Gartenkunst äußert.

1770 wurde Hirschfeld zunächst außerordentlicher und drei Jahre später ordentlicher Professor der Philosophie und schönen Wissenschaften an der Universität zu Kiel. Ebenfalls 1773 erschienen die „Anmerkungen über die Landhäuser und die Gartenkunst“, denen 1775 die erste, zweibändige „Theorie der Gartenkunst“ und von 1779 bis 1785 sein Hauptwerk, die große „Theorie der Gartenkunst“ in fünf Bänden, folgten.

Zum Erscheinen der Theorie der Gartenkunst hatten sich die Verhältnisse im Vergleich zu seinen ersten Veröffentlichungen bereits zu Hirschfelds Gunsten verändert. Befand er sich zu Beginn der 1770er Jahre noch in der Rolle des Vorreiters eines „neuen Geschmacks“ auf dem Gebiet der Gartenkunst und war bemüht „Vorurtheile und Ausschweifungen“ zu bekämpfen, so hatte nicht nur der neue Trend der Landschaftsgärten inzwischen breiteren gesellschaftlichen Anklang gefunden sondern auch Hirschfeld selbst hatte es zu Anerkennung für seine Theorien und einen breiteren Bekanntheitsgrad gebracht.

Die große „Theorie der Gartenkunst“ kann als ein Versuch verstanden werden, die Gartenkunst in den Rang der schönen Künste zu erheben. Passend dazu ist das Werk weniger als konkrete Bauanleitung zu verstehen, denn Hirschfeld verstand die Landschaftsgartenkunst nicht als abgezirkelte Architektur sondern vielmehr als angewandte Landschaftsmalerei.

Im „Vorbericht“ zur eigentlichen Gartentheorie macht Hirschfeld deutlich, welches Anliegen er mit der „Theorie der Gartenkunst“ verfolgt:

„[Die Theorie der Gartenkunst] ist nicht geschrieben, um eine plötzliche Veränderung mit unsern Gärten zu bewirken, wiewohl die meisten einer Veränderung bedürftig scheinen, sondern um ein nicht unangenehmes Nachdenken über diese Gegenstände zu veranlassen, den wißbegierigen Liebhaber in die Verfassung zu setzen, mit Richtigkeit davon zu urtheilen, und mit einiger Theilnehmung des guten Geschmacks sich selbst, wenn er Gelegenheit hat, einen Garten zu schaffen.“ (Hirschfeld 1779, Vorbericht Bd. I, S. IX-X)

Der philosophische Ansatz Hirschfelds auf der Suche nach dem ästhetischen Wesen der Gartenkunst spiegelt sich im formalen Aufbau und der Struktur der Bände wieder.

Es gibt zunächst einen historischen Teil, der Landleben und Gartenformen vergangener Zeiten beleuchtet und an den Hirschfelds neuen Ansätzen des landschaftlichen Gartenstils misst. Darauf folgt ein allgemeiner landschafts- bzw. gartenästhetischer Teil, woran sich Abschnitte über die Gestaltungspraxis anschließen. Dieser Themenkomplex wird in den ersten drei Bänden der „Theorie der Gartenkunst“ auf über 530 Seiten abgehandelt. In den letzten Büchern wird Hirschfeld konkreter und macht verschiedene Vorschläge zur angemessen Bepflanzung  je nach gewolltem Effekt, Jahreszeit, etc. Diese beiden Bände stellen innerhalb der „Theorie der Gartenkunst“ einen Bruch dar, Hirschfeld führt ein ganz neues Ordnungsprinzip ein, indem er Gärten nach ihrer Möglichen Bestimmung einteilt und in einen gesellschaftsbezogenen Zusammenhang stellt.

Zur Erläuterung und Untermauerung seiner ästhetischen und gestalterischen Ansichten und Grundsätze  stützt sich Hirschfeld immer wieder auf andere, insbesondere englische Schriftsteller, denen er die ursprüngliche Idee des neuen Geschmacks zuerkennt. Er beruft sich auf William Chambers, Thomas Wathely, Joseph Addison, Francis Bacon und besonders anerkennend Henry Home. Auffallend ist, dass Hirschfeld die Arbeit „Capability“ Browns in den von ihm gewählten Textpasssagen anderer Autoren fast vollständig ignoriert und seinen Namen nur ein einziges Mal, in einem Zitat Walpoles, beiläufig erwähnt. Ob dieser Sachverhalt darauf zurückzuführen ist, dass Hirschfeld noch nicht genügend Textquellen vorlagen, ihm der staffagearme Stil Browns nicht zusagte oder es einen weiteren, ganz anderen Grund hierfür gab, lässt sich aus heutiger Sicht nicht klären. Neben Zitaten der genannten Autoren gibt es weitere Textpassagen, zumeist Reiseberichte, deren Inhalt dazu dienen soll, ein Gefühl für den Charakter einer Landschaft zu entwickeln, so schickt einen Hirschfeld in ein einsames Tal in der Schweiz oder auch auf den Montserrat. Diese romantisch-sentimentale Herangehensweise Hirschfelds wird noch unterstrichen durch Gedichtspassagen, die sich immer wieder in der „Theorie der Gartenkunst“ finden lassen.

Der Einfluss Christian Cay Lorenz Hirschfelds „Theorie der Gartenkunst“ auf die tatsächliche Entwicklung des Landschaftsgartens ist heute umstritten und lässt sich aufgrund der bisher unzureichenden Aufarbeitung der Geschichte deutscher Landschaftsgärten auch nicht genügend belegen. Es bleibt fest zu halten, dass das Werk durch die große Verbreitung im europäischen Raum zumindest einen Einfluss auf die intellektuelle Auseinandersetzung mit der sog. „Gartenrevolution“ gehabt haben muss.

Die „Gartenrevolution“ führte nicht nur zur Ablösung des Barockgartens durch den naturnachahmenden Landschaftsgarten, sondern festigte auch eine neue Naturauffassung in der Gesellschaft, die stark mit der Aufklärung und dem frühen Liberalismus verbunden ist. Diesen „Geist der Aufklärung“ findet man auch in Hirschfelds „Theorie der Gartenkunst“, nicht zuletzt in seinen wiederholten Zitaten Jean-Jacques Rousseaus und ganz deutlich in Hirschfelds Schlusswort zur „Theorie der Gartenkunst“.

„[…] so scheide ich jetzt von dir, geliebte Gartenkunst, Schöpferin der süßesten, der edelsten, der beständigsten Freuden, die auf der Bahn des Lebens blühen, der Freuden für jedes Alter, für jeden Stand, für jede Situation des Menschen, der Freuden, die der Bürger mit den Königen teilt. […] Indem du durch Wahrheit,  durch Einfalt, durch Grazie herrschtest und alle deine Bildungen mit ihrem Geiste belebst, so schlage durch ihr mächtiges Gefühl das letzte Vorurtheil der Zeit nieder, laß den gereinigten Geschmack auf deinen Flügeln siegreich emporsteigen, und überall die große Erfahrung verbreiten:

Gott schuf die Welt, und der Mensch verschönert sie.“ (Hirschfeld 1779, Bd. V, S. 364)

Der Landschaftsgarten als solcher galt lange Zeit paradigmatisch als „englisch“ im Gegensatz zum alten, französischen Gartenstil. Die Aufklärung verknüpft sich so im neuen Gartentrend ganz spezifisch mit England, der Barockgarten wurde zum Symbol des Absolutismus in Frankreich. Auch vor diesem Hintergrund ist die „Theorie der Gartenkunst“ interessant zu sehen, ist sie doch der erste Versuch, den Landschaftsgarten theoretisch auf dem Kontinent, in Deutschland, zu verankern- und zwar nicht als Kopie des englischen, sonders als neue Gartenform, den deutschen Verhältnissen angepasst. Hirschfeld plädiert für einen Mittelweg zwischen der „Unnatur“ des französischen Barockgartens und der „sklavischen Nachahmung der Briten.“ In dieser Aussage auch eine politische Aussage zu sehen, war dabei von Hirschfeld sicherlich nicht intendiert, lässt sich aber trotzdem leicht auch in dieser Richtung lesen.

„Gott schuf die Welt, und der Mensch verschönert sie.“ Dieser letzte Satz Hirschfelds zeigt deutlich das Selbstverständnis Hirschfelds. Bewusst spricht er hier nicht vom „Gartenkünstler“ sondern vom Menschen. Dieser letzte Satz spiegelt so die von Hirschfeld angestrebte Allgemeingültigkeit wieder, es geht nicht nur um einen neuen Gartenstil, sondern auch um ein gewandeltes menschliches Selbstverständnis und die Rolle des Menschen in Gottes Schöpfung. Ziehen wir den voran gestellten Absatz mit in die Betrachtung ein, überrascht vor allem die intime Wortwahl Hirschfelds. Er schreibt von der „geliebten“ Gartenkunst als „junge Verlobte“, in deren Gesellschaft er seine „männlichen Jahre“ verbringt. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass nicht auch diese Aussagen für Hirschfeld Allgemeingültigkeit besaß, dass also alle Menschen ebenso empfinden, unabhängig vom sozial-gesellschaftlichen Hintergrund.

Diese letzten Worte Hirschfelds ordnen die Gartenkunst letztendlich ein in die Ränge der schönen Künste und zwar mit der Legitimation, dass sie in besonders hohem Maße allen Menschen irdische Glückseligkeit vermitteln könne. Wenn schon die unbearbeitete Natur einen günstigen Einfluss auf den Menschen habe, so wird dieser Einfluss laut Hirschfeld durch die Gartenkunst noch gestärkt, da diese durch gelungene Arrangements der natürlichen Elemente die Wirkungscharaktere einer Landschaft entscheidend positiv beeinflusse.

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