Keramik als Hilfsmittel zur absoluten Datierung

In mittelalterlichen Fundkomplexen macht Keramik, v.a. die aus heimischer Produktion, in aller Regel einen großen Teil des Fundspektrums aus. Aufgrund der großen Menge an gefundener Irdenware werden immer wieder Versuche unternommen, aus dieser Ware eine Chronologie zu entwickeln, die eine absolute Datierung des Grabungskomplexes ermöglichen würde.

In dem 1995 erschienen „Die früh- bis spätmittelalterliche Keramik von Emden“ von Henning Stilke lässt sich symptomatisch die Problematik des Fundmaterials nachvollziehen. Die Ergebnisse Stilkes sollen hier, stark verkürzt, als Einführung wieder gegeben werden.

Fragestellung

Durch den Aufbau der Emder Stadtwurt mit sich überlagernden Siedlungshorizonten bestand die Möglichkeit, das Fundmaterial in seiner vertikalen Abfolge und damit seiner chronologischen Entwicklung zu verfolgen. Hierfür zog Stilke hauptsächlich die ersten beiden Grabungen  zu Rate, die am Fundstärksten und durch die korrespondierenden künstlichen Schichten am ehesten miteinander vergleichbar sind.

Für die Auswertung der Keramik standen verschiedene Fragen im Mittelpunkt des Interesses:

Überregionaler Zusammenhang der Produktion der heimischen Ware

Bewertung der Importkeramik für Rückschlüsse über die Handelsaktivität in Emden

Nutzung und Entwicklung des Geschirrsatzes im Emder Haushalt

Verteilung der Keramik innerhalb Emdens um Rückschlüsse auf eine soziale Gliederung zu ziehen

Datierung der Langwurt Emden durch die Keramik

Ergebnisse

Die Keramik der Stadtwurt Emden konnte in insgesamt 25 Warenarten unterteilt werden. Durch den stratigraphischen Befund in den Grabungen 1 und 2 konnten 95% des Gesamtmaterials im Umfang von 10.852 Scherben in eine relativchronologische Abfolge gebracht werden. Diese erbrachte jedoch nicht die erhoffte Feinchronologie, da sich über die Zeit hinweg keine eindeutige und klar abgrenzbare Entwicklung in der heimischen Keramik nachweisen lässt. Heimische Keramik ermöglicht so nur, wenn überhaupt, die Datierung in ein bestimmtes Jahrhundert, jedoch keinesfalls eine genauere Zeitangabe.
Zur absoluten Datierung der Funde diente daher, neben einer Münze und einem dendrochronologischen Datum, vor allem die Importkeramik und nur ausnahmsweise auch die heimische. Im überregionalen Vergleich lässt sich die Keramik von Emden in eine weite Region mit ähnlichen oder gleichen Waren und Formen einordnen. Ihre Erstreckung reicht von Holland entlang der Nordseeküste bis zu den Nordfriesischen Inseln und der Westküste von Schleswig-Holstein.

Die Techniken zur Herstellung der Keramik beschränkten sich in Emden auf einfache Verfahren. Im frühen Mittelalter wurden die Gefäße ausschließlich mit der Hand geformt, seit dem 11. Jh. setzte sich die kombinierte Technik aus handgeformten Gefäßkörper und scheibengedrehtem Rand durch.
Bereits bekannte Verfahren wie die Herstellung auf der Drehscheibe, der Brand bei oxidierender Atmosphäre oder die Anwendung von Engobe und Glasur wurde in Emden auch im späten Mittelalter nicht aufgegriffen. Wegen des Fehlens entsprechender Spezialisierung ist es schwierig, die Herausbildung eines eigenen Handwerks in die Töpferei zu erkennen.

Die einheimischen Gefäßformen bleiben fast ausschließlich auf Kugeltöpfe und Tüllenschalen, also das einfache Kochgeschirr, beschränkt. Die Formen von Importwaren gehören hingegeben in den Bereich des Tafelgeschirrs und nur in seltenen Fällen in den Bereich der Speisezubereitung. In der Gesamtentwicklung zeigt sich vom frühen bis zum späten Mittelalter eine stetige Erweiterung des Geschirrsatzes.

Seit dem 10. Jh. trat die Importkeramik in größerem Umfang auf. Dominierend waren dabei die rheinländischen Produkte. Fast alle dieser Importwaren wurden von ihrem westlichen Herstellungsgebiet aus entlang der Nordseeküste bis nach Skandinavien und in den südlichen Ostseeraum verhandelt. In groben Zügen ergibt sich daraus immer das gleiche Verbreitungsgebiet. Die Bedeutung der Siedlung als Handelsplatz wird sowohl durch die Menge wie auch die Art der Keramik unterstrichen. Im südlichen Nordseegebiet gibt es laut Stilke keinen Fundplatz mit einem vergleichbar großen Sortiment oder Quantitäten an Importkeramik. Dem Keramikspektrum nach weist er Emden deshalb einen Platz bei den bedeutenden nordeuropäischen Handelsplätzen, zwischen Brügge und Bergen, zu.
Während des frühen bis späten Mittelalters fallen allerdings zwei Phasen mit geringen Importen auf. Für das 9. Jh. könnte die Erklärung in der Nähe von Groothusen als Handelsplatz liegen. Als Ursache für den niedrigen Import im 13. Jh. werden von Stilke die Umwälzungen in den Produktionsgebieten angenommen, die zu einem Rückgang im Keramikhandel geführt hätten.

Die Kartierung der Keramik in den Flächen 1 und 2 ergab laut Stilke eine sehr ungleichmäßige Verteilung der Importwaren mit einem auffälligen Schwerpunkt im südlichen Teil des untersuchten Bereichs. In Zusammenhang mit den Baubefunden lässt sich daraus auf eine sozialtopographische Gliederung schließen, bei der im Norden der Siedlung  überwiegend in der Landwirtschaft tätige Bewohner ansässig sind und im Süden hauptsächlich Händler.

Der gesamte Band ist nicht nur interessant vor dem Hintergrund der Aussagekraft von heimischer Keramik, wie etwa grauer Irdenware, sondern auch als Einstieg in den Umgang mit den Fundmaterial Keramik und seiner Aufarbeitung.

Henning Stilke, Die früh- bis spätmittelalterliche Keramik von Emden. Probleme der Küstenforschung im südlichen Nordseegebiet, Band 22 (Oldenburg 1995).

Weiterführend:

Hartwig Lüdtke, Die mittelalterliche Keramik von Schleswig. Ausgrabung Schild 1971-1975. Ausgrabungen in Schleswig, Berichte und Studien 4 (Neumünster 1985).

Edgar Ring, Die Königspfalz Werla. Die mittelalterliche Keramik. Forschungen und Berichte des Braunschweigischen Landesmuseums 1 (Braunschweig 1990).

Bernd Thier, Die spätmittelalterliche und neuzeitliche Keramik des Elbe-Weser-Mündungsgebietes. Ein Beitrag zur Kulturgeschichte der Keramik. Probleme der Küstenforschung im südlichen Nordseegebiet Band 20 (Oldenburg 1993).

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